ZIP 2016, 1775

RWS Verlag Kommunikationsforum GmbH, Köln RWS Verlag Kommunikationsforum GmbH, Köln 0723-9416 Zeitschrift für Wirtschaftsrecht ZIP 2016 RechtsprechungVertrags- und Haftungsrecht BGB §§ 133, 157, 305 Abs. 1, § 305c Abs. 2, § 434 Abs. 1; ZPO § 513 Abs. 1, § 529 Abs. 1 Nr. 1, § 546Zur Standzeit eines Gebraucht-Kfz vor Erstzulassung BGB§ 133 BGB§ 157 BGB§ 305 BGB§ 305c BGB§ 434 ZPO§ 513 ZPO§ 529 ZPO§ 546 BGH, Urt. v. 29.06.2016 – VIII ZR 191/15 (OLG Braunschweig)BGHUrt.29.6.2016VIII ZR 191/15OLG Braunschweig

Leitsätze des Gerichts:

1. Die Frage, ob eine Erklärung als (rechtsverbindliche) Willenserklärung zu werten ist, beurteilt sich nach den für die Auslegung von Willenserklärungen geltenden Maßstäben (im Anschluss an BGH, Urt. v. 7. 11. 2001 – VIII ZR 13/01, ZIP 2002, 39 = NJW 2002, 363, unter II 3 b aa; v. 22. 1. 2014 – VIII ZR 391/12, NJW 2014, 1951, Rz. 14). Bei der Abgrenzung einer AGB von einer unverbindlichen Erklärung ist daher der für die inhaltliche Auslegung von AGB geltende Grundsatz der objektiven Auslegung heranzuziehen (im Anschluss an Senatsurt. v. 4. 2. 2009 – VIII ZR 32/08, BGHZ 179, 319, Rz. 11, 22; v. 9. 4. 2014 – VIII ZR 404/12, BGHZ 200, 362 = ZIP 2014, 1077, Rz. 24 f.).
2. Dabei kommt allerdings nicht die Unklarheitenregelung des § 305c Abs. 2 BGB zur Anwendung. Denn diese setzt voraus, dass es sich bei der in Frage stehenden Erklärung um eine AGB handelt (im Anschluss an Senat BGHZ 179, 319, Rz. 22 m. w. N.).
3. Ob es sich bei einer in einem „verbindlichen Bestellformular“ über den Ankauf eines Kraftfahrzeugs vorgedruckten und durch eine individuelle Datumsangabe ergänzte Erklärung „Datum der Erstzulassung lt. Fzg.-Brief“ um eine rechtsverbindliche Erklärung handelt oder nicht, ist nach objektiven Maßstäben zu entscheiden. Denn für den Fall ihrer Rechtsverbindlichkeit käme allein eine Einordnung als AGB oder als typische, im Gebrauchtwagenhandel übliche Individualerklärung in Betracht. Auch im letztgenannten Fall gilt ein objektiver, von den Vorstellungen der konkreten Parteien und der Einzelfallumstände losgelöster Auslegungsmaßstab (im Anschluss an BGH, Urt. v. 25. 10. 1952 – I ZR 48/52, BGHZ 7, 365, 368; v. 29. 10. 1956 – II ZR 64/56, BGHZ 22, 109, 113).
4. Die in einem „verbindlichen Bestellformular“ über den Ankauf eines Kraftfahrzeugs vorgedruckte und mit einer individuellen Datumsangabe versehene Erklärung „Datum der Erstzulassung lt. Fzg.-Brief“ stellt keine auf den Abschluss einer konkludenten Beschaffenheitsvereinbarung nach § 434 Abs. 1 Satz 1 BGB über eine bestimmte Höchststandzeit zwischen Herstellung und Erstzulassung des Fahrzeugs oder eine bestimmte Modellreihenzugehörigkeit gerichtete Willenserklärung, sondern allein eine Wissenserklärung dar (im Anschluss an Senatsurt. v. 4. 6. 1997 ZIP 2016, 1776– VIII ZR 243/96, BGHZ 135, 393, 398 = ZIP 1997, 1380; v. 12. 3. 2008 – VIII ZR 253/05, NJW 2008, 1517, Rz. 13; Senatsbeschl. v. 2. 11. 2010 – VIII ZR 287/09, DAR 2011, 520, Rz. 4).
5. Anders als bei Neuwagen und „Jahreswagen“, bei denen vor der Erstzulassung eine Standzeit von höchstens zwölf Monaten hinzunehmen ist (vgl. Senatsurt. v. 15. 10. 2003 – VIII ZR 227/02, ZIP 2004, 122, unter II 3; v. 7. 6. 2006 – VIII ZR 180/05, NJW 2006, 2694, Rz. 7 ff.), lassen sich bei (sonstigen) Gebrauchtwagen keine allgemein gültigen Aussagen dahin treffen, ab welcher Grenze eine Standzeit zwischen Herstellung und Erstzulassung eine Beschaffenheit darstellt, die nicht mehr üblich ist und die der Käufer auch nicht erwarten musste (Fortentwicklung von Senatsurt. v. 10. 3. 2009 – VIII ZR 34/08, NJW 2009, 1588, Rz. 14).
6. Dem Berufungsgericht ist gem. § 513 Abs. 1, § 546 ZPO selbst bei – vom Revisionsgericht nur beschränkt überprüfbaren – Individualerklärungen eine unbeschränkte Überprüfung der vorinstanzlichen Vertragsauslegung dahin eröffnet, ob diese bei Würdigung aller dafür maßgeblichen Umstände sachgerecht erscheint (im Anschluss an Senatsurt. v. 14. 7. 2004 – VIII ZR 164/03, BGHZ 160, 83, 88 ff.).
7. Nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO tritt eine Bindung des Berufungsgerichts an die Tatsachenfeststellung der ersten Instanz nicht bereits dann ein, wenn diese keine Verfahrensfehler aufweist (im Anschluss an BGH, Urt. v. 9. 3. 2005 – VIII ZR 266/03, BGHZ 162, 314, 316 f.; v. 7. 2. 2008 – III ZR 307/05, NJW-RR 2008, 771, Rz. 13). Vielmehr sind auch verfahrensfehlerfrei getroffene Tatsachenfeststellungen für das Berufungsgericht nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO nicht bindend, soweit konkrete Anhaltspunkte Zweifel an der Richtigkeit oder Vollständigkeit der entscheidungserheblichen Feststellungen begründen. Solche Zweifel können sich auch aus der Möglichkeit unterschiedlicher Wertungen ergeben (im Anschluss an Senat BGHZ 162, 314, 317; BVerfG NJW 2003, 2524; BVerfG NJW 2005, 1487).

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